Fucking Political, Tech Spotting

Infected by Viral Marketing – ein Fallbeispiel

7. March 2007 von schmidt9

oder: Wie sich die Presse in ihrer Gier nach News zum PR-Helfer der Industrie macht.

macnews.de liefert dieser Tage wieder ein super Beispiel für wundersame Nachrichtenvermehrung. Erst wird berichtet, daß berichtet wird, dann wird korrigiert, worüber berichtet wurde und später wird noch einmal bestätigt, daß berichtet wurde, worüber jetzt zu berichtigen ist.

Am 5. März berichtet macnews mit viel Getöse (Tagesthema!), daß am 27. März die Creative Suite 3 erscheint. Dabei müssen die beim eigentlich simplen deutschen Verb ›erscheinen‹ wohl eher eine Fata Morgana gedacht haben, denn im zugrundeliegenden Pressestatement des Adobe-Blogs steht das so nicht, sondern ganz unzweideutig »Adobe Creative Suite 3 To Be Announced March 27th«. Zwar verlinkt macnews.de auf diverse andere Beiträge und natürlich auch auf seine eigenen vorangegangenen Spekulation, aber nicht auf den zugrundeliegenden Pressetext, der den Hype sofort entzaubert hätte.
Statt dessen nutzt man das Thema 2 Tage später für eine weitere Nachricht, in der man nun schreibt, daß die Adobe Creative Suite 3 »Trotz Special Event … noch nicht Ende März … wie erwartet« kommt. Woher die Erwartungen ihren Nährboden nehmen, ist dabei völlig unklar, die Pressemitteilung jedenfalls gibt keinen Anlaß dafür. Statt dessen, so der plauderisch-intime Ton von macnews.de, ›verriet‹ die Pressesprecherin, daß die Adobes größtes Software Update sei (was schon am 5. März im Posting stand) und daß die Software erst später im Frühjahr erscheint (was von der Autorin offensichtlich nachträglich ergänzt wurde). Von Verrat oder ‹verraten‹ im eigentlichen Wortsinn, nämlich der Weitergabe oder Bekanntgabe von Geheimnissen, kann aber bei einem offizillen Adobe-Blog nun wirklich nicht die Rede sein. Den ursprünglichen PR-Text von Adobe verlinkt macnews.de auch diesmal nicht.

Auf diese Weise macht man aus einer 6-zeiligen Mitteilung nebst 2-zeiligem Nachtrag gleich zweimal einen Beitrag und potentiert damit den PR-Trick von Adobe und anderen Branchengrößen, Nachrichten über halboffizielle Kanäle in die Öffentlichkeit zu lassen und auf die explosionsartige Weiterverbreitung eines Gerüchts im Internet zu vertrauen. Statt dessen zeigt man ganz brav das YouTube-Video zur ›Whats-in-the-Box‹-Kampagne und macht eine eigentlich der Neutralität verpflichtete Nachrichtenseite zur (ungekennzeichneten) Werbeplattform. Volltreffer für Adobe – Viral Marketing at it’s best!

Wer in einem journalistischen Medium so arbeit, schadet der Freiheit der Presse, indem er wichtige journalistische Grundsätze – saubere Recherche, Überprüfung der Quellen und sachlich Unabhängigkeit – übergeht und sich zum PR-Träger macht. Eine Newsseite ist aber kein Blog.

Mit Spannung frage ich mich, wie oft in den nächsten Wochen macnews.de noch PR-Arbeit für Adobe leisten wird.

to be continued…

Anmerkung vom 7.3.2007, 19:00
In den Kommentaren zum Artikel ist eine kleine, aber interessante Diskussion zum Thema entstanden, auch mit einem ausführlichen Statement der Redaktion.

Anmerkung vom 4.3.2007, 11:00
Irgendein anerkannter Marketing-Professor aus den USA will errechnet haben, daß bereits im April der Medienhype um das iPhone der Apfelfirma eine PR-Kampagne für 400.000.000 $ erspart hat. Die Zahl glaub ich gern, wenn man bedenkt, wie viel Microsoft in die Promotion von Windows95 gesteckt (500.000.000 $) und das little Bill für fast jede Zeile der damals schnell wieder abflauenden Informationsböe ordentlich gelatzt hat. Mick Jagger hat die 20.000.000 $ aber mit Sicherheit schon wieder ausgegeben, die ihm Bill fürs Recycling von ›Start me Up‹ ins Pfötchen gepackt hat. Ich bin mir sicher, daß Steve Jobs wenn überhaupt a) lieber einen Song der Beach Boys genommen hätte und b) dafür nichts hätte zahlen müsen. Das Leben kann richtig teuer sein, wenn man nicht cool ist.

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