EyeCancer, Fucking Political, Tech Spotting

Rückgrat braucht schon jeder selbst.

6. July 2010 von schmidt9

Im Netz ist mal wieder die Weltverschörungskritikgemeinde am heulen. Anlaß sind die Informationen über die Daten, die Apple für sein iAd-Angebot in anonymisierter Form von den Nutzern sammelt, um ihnen personalisierte Werbung anzubieten – sofern sie nicht dagegen optieren.

Werbung gab es schon immer

Nicht, daß ich Werbefan wäre – aber Werbung gehört zu unserer Gesellschaft, seit wir denken können. Das fängt mit einer Frau an, die sich die Haare hübsch macht, um einen Bräutigam zu angeln (und umgekehrt). Das ist Werbung. Wenn vor hunderten von Jahren zu Markttagen die Städte voll vom Geschrei der Marktschreier waren (die hießen nicht umsonst so), dann konnte sich schon damals der Werbung nur entziehen, wer in die nächstgelegene Einöde flüchtete. Mit dem Anstieg der Warenproduktion im frühen Industriezeitalter und der einhergehenden Urbanisierung wuchs das Angebot an Waren und Dienstleistungen so stark an, daß es notwendig wurde, seine Produkte explizit und gesondert anzupreisen, um sie vom Angebot der Mitbewerber zu differenzieren. Der Ursprung dessen, was wir heute unter Werbung verstehen liegt spätestens hier – je nach Region also bereits vor 200 – 150 Jahren.

Werbung nutzte schon immer die Medien seiner Zeit.

Weil klassische Werbung darauf basiert, sich vom Mitbewerber abzusetzen (und damit auch von seiner Werbung), war sie schon immer ein Experimentierfeld für neue Medien und Kommunikationsformen und Technologien. Luftschiffe, Leuchtreklamen, Zeitschriften, Film, Radio und Fernsehen wurden jeweils bereits in ihren Frühstadien von der Werbung ›entdeckt‹ und mehr oder weniger von ihr dominiert. Die Beispiele sind zahllos.

Der Umgang mit Werbung stellt heute eine elementare Kulturtechnik dar. Wie Radfahren und Schwimmen, Lesen und Schreiben gehört auch der Umgang mit Werbung zu den Dingen, deren Beherrschung unseren Alltag ausmachen.

Man kann sich dem Ganzen natürlich auch entziehen. Das kostet etwas Anstrengung, denn nicht nur im digitalen Leben, sondern schon sehr viel länger im analogen Universum ist Werbung defaultmäßig aktiviert.
Ich persönlich fühle mich von Werbung nur selten bedrängt, denn es gibt genug Möglichkeiten, sich ihr zu entziehen.

Man kann sich Werbung auch bewußt entziehen.

  • Man muß seine Mail nicht für irgendwelche unsinnigen Gewinnspiele hergeben.
  • Obwohl meine Mail auf zig Webseiten unter den Credits zu finden ist, bekomme ich täglich höchstens mal 5-8 ungefragte Werbemails. Wer mit Spam-Filtern nicht klar kommt, beherrscht das Mediem e-Mail nach heutigen Maßstäben nicht vollständig.
  • Man kann auf CashBack-, Treuepunkte-, HappyDigets-, Miles&More-, PayBack- etc. -karten auch verzichten.
  • Auf den Briefkasten kann man schreiben, daß die Schmutzzettel fern bleiben sollen. Das ist in Deutschland auch rechtlich problemlos durchsetzbar.
  • Cold Calls mit werblichen Zielen kann man mit Verweis auf die Rechtslage ziemlich fix in die Schranken weisen – die rufen dann ziemlich sicher nicht mehr an.
  • Einen Fernseher braucht man nicht.
    Dafür gibts bei mir z.B. eine eigene Sammlung mit hunderten (gekauften!) Filmen und einigen hundert (ebenfalls gekauften) Tonträgern. Für aktuelle Infos gibt es eine Menge guter, vielschichtigerer und tiefgründiger Quellen im Netz sowie abonnierte Presseerzeugnisse, bei denen die Werbung klar vom Inhalt getrennt ist.
  • Im Kino verbietet einem kein Mensch, ein paar Minuten später zu kommen – da läuft höchsten noch die Werbung fürs Bier. Kleinere Arthaus-Kinos haben oft keine stundenlangen nervtötenden Werbeblöcke.
  • Im Radio gibts Sender, die keine Werbung bringen.
  • Für den Computer gibt es Firewalls, Pop-Up-Blocker, Click2Flash, Add-Blocker uvm.
  • Wer mit dem Rad fährt, muß nicht dauernd an der Tanke auf häßlich beklebte Tankpistolen schauen – und wenn man mal da ist, dann schaut man halt auf die grüne Wiese nebenan, bis die Pistole ›klick‹ macht.
  • Auf dem iPhone kann man personalisierte Werbung verbieten und für viele Gratis-Apps gibts Alternativen, die gegen einmalige Gebühr werbefrei sind.

Ich bin weiß Gott kein Konsumverächter, aber mit ein bißchen Rückgrat und Eigenständigkeit kann man sein Leben schon noch so führen, wie man selbst es will und nicht wie es andere vorgeben. Die Welt, in der wir leben ist geformt von den Leuten, die drauf leben. Jeder gehört dazu. Man kann mit den Segnungen der Neuzeit leben oder man schafft Alternativen.

Erwachsen und mündig muß jeder selbst sein.

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