Tech Spotting

Mit dem 2. sieht man besser

17. Januar 2007 von schmidt9

Kodak V705Irgendwie hats ja doch in den Fingern gejuckt, als die Kistenschieber im hiesigen Konsumtempel die 2-Äugige von Kodak im Nachweihnachtsgeschäft verschleuderten. So kam für weniger als 200 Euro Anfang Januar eine der spannendsten und zugleich wiedersprüchlichsten Kameras in meine Jackentasche – eine Kodakt Easyshare V705.

Wer – zumindest in Europa und Japan – auf dem Markt der digitalen Ultrakompakt-Kameras einsteigen möchte, muß sich wirklich etwas einfallen lassen. Platzhirsche wie Canon (digital-IXUS-Reihe), Panasonic (mit den kleinen bildstabilisierten Lumix-Modellen), Casio (die ultraflachen Exilim-Modelle) oder Olympus (digital-µ) lassen nicht viel Luft für ambitionierte Mitbewerber. Diese versuchen es dann meist über den Preis – aber was nicht viel kostet ist im Ernstfall meist auch nicht viel wert.

Kodak – Urvater der Nordamerikanischen Fotografie

In Europa eher als Filmproduzent bekannt (bzw. inzwischen vergessen) – hat Kodak aber gerade auf dem amerikanischen Markt noch ein Wort mitzureden, in Europa dagegen fristen die Modelle der Easy-Share-Reihe eher ein Nischendasein. Dabei hat Kodak – mehr als viele japanische Unternehmen – bereits vor Jahrzehnten wesentliches zur Entwicklung der Fotografie beigetragen. Mit der ›Kodak Box‹, einer Frühform der Einwegkamera hat Kodak die Fotografie der breiten Masse geöffnet. »You take the picture, we do the rest« war der Slogan, mit dem Kodak den weniger technisch-chemisch versierten Bildernarren von der Selbstfertigung der Bilder befreite und damit den Zugang zur Fotografie zu einer Zeit ebnete, als man als Fotograf noch seine Chemie aus Apotheken-Zutaten selbst mischen und selbstverständlich über eine eigene Dunkelkammer verfügen mußte.

An diese Idee – dem Kunden soviel wie möglich abzunehmen – muß sich Kodak erinnert haben, als man das Easy-Share-System entwickelt hatte. Mit aufeinander abgestimmten Kameras, Druckern und Software erlaubt dieses System es, digitale Bilder tatsächlich ohne umfangreiche fotografische und computertechnische Kenntnisse aufzunehmen und auszugeben. Dabei geht Kodak noch einen Schritt weiter als die ohnehin schon bequeme, eigentlich von allen Mitbewerbern ebenfalls angebotene Direktdruckfunktion, indem die Easy-Share-Kameras das Bild bereits nach der Aufnahme aufbereiten und die Printer die Kameras in einer Dockingstation für echten Direktdruck ohne Rechner aufnehmen. Dies ergibt eben auch deshalb Sinn, weil die Kamera bereits viel Finetuning direkt nach der Aufnahme vornimmt. Wer stattdessen den Weg über den Computer geht, kann via Kodakt-Software (der ich mich dank bereits in Betrieb befindlicher Alternativen nicht bediene) den kurzen Weg zum Kodak-Bilderdienst gehen, dort Abzüge und Fotogeschenke bestellen sowie seine Lieblingsbilder in Online-Alben präsentieren. Dazu bietet die Kamera die Möglichkeit, bereits in der Kamera die besten Motive als Favoriten zu kennzeichen und damit später die Auswahl zu erleichtern. Über das optionale Kamera-Dock (das bei der direkten Vorgängerin V570 mit 5 Megapixeln noch mitgeliefert wurde) kann man die Kamera auch als Mini-Bilderrahmen benutzen und sich von Dia-Shows beglücken lassen. Währen die Displaygröße dafür wohl den meisten zu klein sein wird, steht das interne Display für eine Kamera dieser Preisklasse – Listenpreis ca. 350 €, Straßenpreis ~ 200 € – auf der Habenseite. Der Einblickwinkel, Farbigkeit, Auflösung und damit auch Bildeindruck sind sehr gut.

You’re something special…

Das eigentlich besondere an der V705 ist jedoch die Idee der Dual-Optik, die bei Kodak mit der V570 erstmals Einzug gehalten und inzwischen u.a. auch in den ultrakompakten Megazoom-Modellen Anwendung gefunden hat. Dabei wird der Zoombereich auf zwei Optiken verteilt, wobei hinter jeder Optik ein eigener Sensor steckt. Dies vermeidet zum einen komplizierte ›Gummilinsen‹ mit extremen Zoombereich und zum anderen ausfahrende Objektivteile sowie aufwendige Mechanik, für die andere Hersteller in dieser Größenklasse immer größeren Aufwand treiben müssen, um ausreichend präzise für die immer hochauflösenderen Sensoren zu werden.
Beim beschriebenen Modell versteckt sich hinter der oberen Linse eine lichtstarke 23mm/F2.8-Festbrennweite und hinter der unteren ein klassentypischer 3fach-Zoom von 39-117mm. Kodak verkauft dies gern als ›5x‹, wobei das Marketing hier flunkert, denn zwischen 23mm-Festbrennweite und 39mm-Anfangsbrennweite der Zoomoptik klafft ein merkliches Loch, daß nur bei eingeschaltetem Digitalzoom recht unansehnlich interpoliert wird, ist der Digitalzoom aus, springt beim Zoomen der Ausschnitt beim Wechsel zwischen den zwei Optiken. Dies ist aber kein echtes Manko, denn die meisten Mitbewerber fangen ohnehin erst bei 35 bis 39mm Anfangsbrennweite an. Trotz des großen Sprungs von 39 auf 23mm eröffnet die Kamera mit dem Ultraweitwinkel in dieser Kamera- und Preis- sowie Größenklasse bisher ungeahnte Möglichkeiten. Selbst bei der kleinsten Küchenparty bekommt man die ganze Runde drauf, ein Panoramo aus 3 Bildern umfaßt 180° und selbst die Kirchenfassade im verwinkelten Alpendorf paßt komplett aufs Bild…

Kodak macht den Rest…

Kommt man zurück zur Idee, dem Kunden mit der Kamera möglichst viel abzunehmen, bedingt dieses Prinzip auch die Stärken und Schwächen der kleinen Zweiäugigen. Zu den Stärken zählen viele sinnvolle Bildaufbereitungsfunktionen, die dem ambitionierten Fotografen wohl eher als Entmündigung erscheinen, dem Urlaubsknipser dagegen das Fotografien viel leichter machen. Zu den einfacheren Dingen, die man sich auch von Mitbewerbern wünschen könnte zählt z.B. die Rote-Augen-Korrektur in der Kamera, die so gut funktioniert, daß man das lästige wie batteriefressende Vorblitzen getrost ausschalten kann. Ebenso sinnvoll bei einer Kamera dieser Preisklasse ist die automatische Verzeichniskompensation. Keiner kennt die Schwächen der eigenen Optiken so gut wie der Hersteller – warum soll der Nutzer der Kamera also nachträglich lange mit einer Bildbearbeitungssoftware herumexperimentieren, um Bild für Bild die Tonnenverzeichnung (im Weitwinkelbereich) oder Kissenverzeichnung (im Telebereich) herauszukorrigieren. Da diese Verzeichnung brennweitenabhängig und von Kamera zu Kamera unterschiedlich ist, erfolgt die Kompensation ohnehin am besten in der Kamera direkt. Diese Funktion ist bei der V705 standardmäßig aktiviert. Dies prädistiniert die Kamera zwar noch nicht zu einer Kamera für Architekturfotografie, aber wenigstens hat ein rechteckiger Bilderahmen dann nicht mehr die Form eines Fernsehers aus den 60ern, auch die Säulen einer Kirchenfassade biegen sich dann nicht gleich unter der Last des Himmels nach außen weg.
Ähnlich praktisch ist die Panaroma-Funktion, eigentlich zwei Motivprogramme (von Panorama links nach rechts bzw. von rechts nach links), die in der stärksten Weitwinkeleinstellung aus 3 Bildern ein 180°-Panoramabild generiert – direkt in der Kamera. Sofern man sich an einige Grundregeln hält, funktioniert dies ausgesprochen gut. Man nimmt sein erstes Bild auf und bekommt anschließend in das Sucherbild den Rand des letzten Bildes links bzw. rechts eingeblendet. Diesen Streifen bringt man in Übereinstimmung mit dem angrenzenden Rand des nächsten Ausschnittes und löst aus. Nachdem man diese Übung noch einmal wiederholt hat, montiert die Kamera aus den 3 Bildern in wenigen Sekunden das Panaroma und zeigt es an (leider werden die Originalbilder nicht gespeichert). Sinnvollerweise ändert die Kamera während der 2. und 3. Aufnahme auch nicht die Bilichtungseinstellungen (und vermeidet damit einen typischen Panorama-Fehler), so daß das montierte Motiv keine Belichtungssprünge aufweist. Kleinere Differenzen an den Überlappungsstellen werden ebenfalls automatisch kompensiert.
Wer ein paar wenige Grundregeln einhält, erhält mit dieser Kamera ansehnliche Panorama-Aufnahmen ohne große Mühe aufwenden zu müssen.

Meine Panorama-Tips

  1. Fangen Sie mit dem Bildrand an, in dem die richtige Belichtung sein soll – dafür kann die Kamera sowohl v.l.n.r.- als auch v.r.n.l.-Panoramen.
  2. Bemühen Sie sich, das Motiv so hinzudrehen, daß sich an der gedachten Grenze zwischen 1. und 2. sowie 2. und 3. Drittel eine kontrastreiche Form befindet. Wenn Sie z.B. innerhalb eines Raumes zwei weiße Wandstellen ›richtig‹ überlagern wollen, hilft Ihnen die Positionierhilfe nicht – befinden Sich an den Überlappungsstelen aber z.B. Bilder oder ein Möbelstück, gelingt es ganz einfach.
  3. Vermeiden Sie große Kontrastunterschiede – die sind ohnehin nicht die Stärke von preiswerten Digitalkameras – sondern achten Sie auf eine möglichst gleichmäßige Beleuchtungssituation. Je nachdem, wo Sie anfangen, werden sonst im fertigen Panorama Schatten Schwarz oder Lichter weiß ›ausfressen‹./li>
  4. Achten Sie darauf, daß sich keine bewegten Objekte an den Überlappungsstellen befinden. Ist z.B. am einen Bildrand eine Person, die am danebenliegenden Bildrand bereits weg oder woanders ist, dann weiß die Kamera nicht, wie sie an dieser Stelle die Überlappung richtig positionieren soll…
  5. Vermeiden Sie an den Überlappungsstellen Objekte in direkter Nähe zur Kamera, sonst ergibt sich ein unterschiedlicher Versatz der Vordergrundobjekte zum Hintergrund auf den verschiedenen Einzelbildern, das sieht am Ende oft komisch aus.
  6. Drehen Sie Sich bei Panoramen in kleineren Räumen möglichst nicht um sich selbst, sondern die Kamera am ihre eigene Achse (genauer genommen müßten Sie die Kamera um den Brennpunkt der Optik drehen), sonst stimmen die Perspektiven der einzelnen Bilder nicht überein – bei Panoramen mit großen Objektabstand z.B. in der Natur, kann dieser Versatz vernachlässigt werden.
  7. Ärgern Sie sich nicht über die gewölbten horizontalen Linien bei Panoramen – dies ist optisch bedingt ganz normal.

Im Betrachtungsmodus bietet die Kamera zwei weitere sinnvolle Features: Zum einen erlaubt Sie den Beschnitt des Bildes bereist in der Kamera. So kann man – die hohe Auflösung bietet ja eine gewisse ›Reserve‹ – auch ohne Computerkenntnisse unwichtige Randbereiche entfernen. Zum anderen bietet PerfectTouch eine Art automatische Tonwertkorrektur, die zu dunkle Aufnamen entkontrastiert und so Details in den Schatten und Mitten wieder sichtbar macht bzw. zu flauen Bildern zu ein weniger mehr ›Pepp‹ verhilft. Dafür bietet die Kamera sogar eine Split-Screen-Ansicht, die es einem erlaubt, das Ergebnis vor dem Speichern zu überprüfen. Zusätzlich kann man entweder das Originalbild überschreiben oder das Ergebniss der Aufbereitung in einer Kopie sichern.

Automatic for the Poeple…

Kodaks Wunsch, dem Benutzer viel abzunehmen wird auch bei den Motivprogammen sichtbar – über 20 Situationén nehmen einem tatsächlich viele Einstellungen ab (die man an einer Amateurkamera i.d.R. ohnehin nicht selbst beinflussen kann) – und nötigen einem dafür die Auswahl des richtigen Motivprogramms auf. Selbstportrait, Nachtportrait, Kerzenschein, oder vielleicht doch lieber … ? Bei soviel Optionen ist das Motiv weg, bevor man das richtige Motivprogramm mit dem gerade noch bedienbaren Joystick aus dem fernöstlichen Handybaukasten ausgewählt hat. Die winzigen Symbole helfen bei der Auswahl kaum, erfreulicherweise wird zumindest jedes Programm kurz erklärt. Andere Kamerahersteller punkten bei der Auswahl des richtigen Programms mit einer schnell zu durchstöbernden Liste an Referenzfotos – ein Bild sagt mehr als die Textbeschreibung bei Kodak.
Apropos Textbeschreibung: Kodak hat bei so gut wie allen Menüpunkten eine Hilfefunktion integriert, die sich über die Zoomtaste aufrufen läßt und die Einstellung erläutert – das wiederum könnten sich die meisten Mitbewerber einmal anschauen, denn so bleibt das (ziemlich unübersichtliche) Handbuch möglichst lange in der Schublade. Statt des Handbuchs empfiehlt sich für Internetnutzer u.U. ohnehin (sogar als Kaufentscheidungshilfe) ein Blick auf das Online-Tutorial auf der Kodak-Seite. Dies erläutert auch alles Nötige, viel übersichtlicher als in seinem billigen Schwarzweißdruck-Pendant.

Was dem einen sin Uhl, ist dem anderen sin Nachtigall…

Kodaks Wunsch, dem Benutzer vieles abzunehmen und ein möglichst fertiges BIld ›out of the (Kodak)Box‹ zu liefern wird die meisten Alltags- und Urlaubsknipser begeistern – ›you make the picture, we do the rest‹. Für ambitionierte Fotografen ist es dagegen die pure Entmündigung. Wer sich dessen bewußt ist und damit leben kann, findet in der V705 u.U. eine ideale und unwiederspenstige Reisebegleitung zür Füllung der Familienalben. Wer Angst vor (fotografischem) Kontrollverlust hat, endet bald im Frust. Auch Bildverarbeitungsfreunde werden aufgrund der nicht einstellbaren JPEG-Komprimierung keine Freude haben. Die Bildqualität ist für Abzüge in Ordnung, die Daten sind klein (ein Bild selbst mit 7 Megapixeln wiegt i.d.R. kaum mehr als 1 MB) und lassen sich schnell speichern und Ressourcenfreundlich ablegen. Die starke Komprimierung macht auf der anderen Seite durch viele JPEG-Artefakte eine Retusche fast unmöglich. Feine Strukturen, die die 2 Sensoren hinter der Dual-Optik von Schneider-Kreunznach eigentlich differenzieren können, kommen im Bild niemals an.

Handling

Die Kamera kommt im kompakten Riegelformat, deren Vergleichsgröße (einst durch die erste Digital IXUS von Canon vorgegeben) immer noch eine normale Zigarettenschachtel ist. Anders als ihre Klassenschwestern ist sie aber ein kleines Stück breiter als IXUS & Co. und überragt eine liegende Glimmstengelkiste um ca. 2 cm – schließlich muß das Gehäuse auch eine Optik und einen Sensor mehr beherbergen als die der Mitbewerber. Die Verarbeitung ist ansprechend – gebürstets schwarzes Metall an der Front, gebürsteter Edelstahl hinten, das Display deutlich eingelassen. Umlaufend gibt es einen breiten Chromstreifen, der oben die Kameragrundfunktionen beherbergt (Ein/Aus, Fotomodus, Videomodus, Favoriten und Auslölser). Die Bedienelemente auf der Rückseite haben zwar ausreichend Abstand, sind aber für den ›Handschuhbetrieb‹ zu winzig. Dies trifft vor allem auf die sehr kleine (und irreführenderweise auch noch runde) Zoomwippe zu. Der Joystick – wie oben schon gesagt dem eines Mobiltelefons sehr ähnlich – bietet direkten Zugriff auf die Belichtungskorrektur (links-rechts), Makro- und Unendlicheinstellung (nach unten) und Displayeinstellungen (nach oben). Daß diese Funktionen nicht erst über ein Menü aufgerufen werden müssen, zählt zu den absoluten Pluspunkten, ebenso, daß man das Ergebnis der Belichtungskorrektur sofort auf dem wirklich gutem Display sofort sehen kann und in Kombination mit dem einblendbarem Histogramm somit zumindest ›auf die Schnelle‹ rudimentär die Belichtung prüfen kann.

Technische Daten für die Kamera sind im www ausreichend abrufbar, daher verzichte hier auf diese Fleißarbeit und verweise auf das umfangreiche Datenblatt von www.digitalkamera.de.

Mein Resumé
Plus

  • Einzigartiges Weitwinkel 2,8/23mm und
    praxistaugliches 3-fach Zoom von 39-117mm
  • Kein Zoom-Rüssel, automatischer Objektivschutz und solides Metallgehäuse
  • Hilfreiche Amateurfeatures in der Kamera: Rote-Augenkorrektur, Panoramamontage, Kontrastoptimierung, Tonnenentzerrung,…
  • Wenige, aber gut kontrollierbare und sinnvolle Automatikfunktionen
  • Überschaubares Menüs (abgesehen von den unzähligen und unübersichtlichen Motivprogrammen)
  • Für die Geräteklasse vergleichsweise rauscharm (bis 1000 ASA)
  • Sehr helles und gut aufgelöstes Display

Minus

  • JPEG-Komprimierung nicht einstellbar, keine unkomprimierten Bilder möglich
  • JPEG-Komprimierung deutlich zu sehr zu lasten der Bildqualität
  • Fummeliger USB-Adapterstecker für den Kameraboden
  • Proprietärer, mittelmäßiger Akku

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