Immer wieder gibt es heftige Diskussionen, warum nur, ja warum denn also gerade Apple sich so restriktiv benimmt und Funktionen und Optionen seiner iOS-Geräte an bestimmten Stellen beschränkt. Neben Marketing- und Marktbeherrschungsgründen gibt es einen Aspekt, der viel zu kurz kommt – die Entwicklung grafischer Oberflächen verlangt nach neuen Lösungen und einer Abkehr von der gedankenlosen Übertragung von ›Schema F‹ auf immer neue Gerätegenerationen. Der Vorwurf lautet auf nicht weniger als Limitation der Benutzbarkeit zugunsten der Einfachheit.
Dabei ist die Trennung von Einfachheit und Benutzbarkeit UI-technisch Unsinn. Zuerst: solten, ja müssen Benutzbarkeit und Einfachheit kein Widerspruch sein – dafür gibt es genug gute Beispiele, nicht nur von Apple.
Zweitens: Wer die Reduktion auf wesentliche Funktionen als Einschränkung betrachtet, der gehört vermutlich zu der Nutzerschicht, die Apple mit dem iPad nicht primär adressiert. Dem iPad liegt eher die in der Softwareentwicklung nicht unpopuläre These zugrunde, daß 80% der Softwarefunktionen von der Majorität der Nutzer nie in Anspruch genommen werden. Während andere Anbieter nach wie vor in Featuritis schwelgen, war nur Apple so radikal, dieser These Taten folgen zu lassen und unnötige Funktionen bei iPhone und iPad radikal zu kürzen. Das Dogma des iPads ist also nicht Omnipotenz, sondern das Reduktion.
Der Umkehrschluß dieser These bedeutet aber auch, daß es eine kleine Nutzergruppe gibt, die einen weit höheren Prozentsatz an Funktionen herkömmlicher Benutzeroberflächen nutzt. Diese, gern volkstümlich als PowerUser bezeichnete Gruppe wird relativ zügig auf die Grenzen eines ›abgespeckten‹ GUIs treffen und diese entweder versuchen zu umgehen oder das System wechseln. Apple ist in der GUI-Entwicklung so lange federführend, daß sie dieses Risiko mit Sicherheit wahrnehmen und vermutlich in einer Interessenabwägung niedriger gewichtet haben.
Ich bin mir sicher, daß wir uns in Zukunft viel mehr auf eine geteilte Welt einstellen werden – auf der einen Seite smarte, reduzierte Systeme mit dem Potential, von der breiten Masse genutzt und verstanden zu werden und auf der anderen leistungsfähige, funktionsreiche und daher auch mit komplexeren UI versehene Systeme, die vor allem von erfahrenen Nutzern gefragt und genutzt werden
Apple hat mit dem iPad und iPhone den ersteren Weg beschritten – wer den zweiten Weg jenseits eines Desktop OS gehen möchte, der wird auf quelloffene Alternativen ausweichen müssen, an denen es überhaupt eine Haube gibt, unter der geschraubt werden kann.
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