Tech Spotting

FireWire (statistisch) verloren?

1. July 2007 von schmidt9

In einem Report bei In-Stat sieht Analyst Brian O’Rourke den Stern von FireWire/iLink, dem High-Speed-Interface von Apple/Sony langsam sinken. Die Presse schreibt fleißig ab (Macworld UK, heise.de, macnews.de), ohne groß darüber nachzudenken – und liefert ein Musterbeispiel dafür, wie in der Zeit von Webnews und -blogs aus einer Mücke ein Elephant wird.

Vorab läßt sich vermuten, daß kaum einer der zitierenden Newsdienste wird den vollstängigen Report wirklich gelesen hat, denn der kostet fast $3.500 – eine Summe, die zu rein journalistischen Zwecken wohl kaum einer – auch ich nicht – in die Hand nimmt. Also schreiben alle die wenigen Zeilen ab, die es offiziell zu lesen gibt:

IEEE 1394 Interface Headed For Slow Decline

SCOTTSDALE, Ariz., June 27, 2007 – IEEE 1394 faces major challenges, and its market share is stagnating, reports In-Stat (http://www.in-stat.com). The peak year for 1394 devices is expected to be 2008, and a slow decline will set in beginning in 2009, the high-tech market research firm says. IEEE 1394 (1394), also called FireWire or i.Link, is a high-speed serial bus specification found primarily in three markets: PCs, PC peripherals, and Consumer Electronics.
“1394 suffers from being the second-choice technology in many product segments,” says Brian O’Rourke, In-Stat analyst. “For example, 1394’s historic one-third penetration of the PC market is now dwarfed by high-speed USB’s 100% penetration. This has helped high-speed USB become the interface of choice for PC peripherals.”

Recent research by In-Stat found the following:
1394-enabled device shipments will grow by only 0.2% annually through 2011.
1394 had created an ecosystem, with digital camcorders at the center, but there has been slippage in this ecosystem recently.
From 2005 to 2006, 1394 penetration of digital camcorders fell from 85% to 77%.
Recent In-Stat research, 1394 2007: A Niche Interface (#IN0703596MI), covers the worldwide market for the 1394 interface. It contains analysis and five-year forecasts for all 1394-enabled products, breaking out each PC, PC peripheral, CE, or automotive application by penetration of 1394a and 1394b for each forecast year. Analysis is provided for all types of 1394, including 1394c and 1394 over Coax. Brief profiles of major 1394 silicon and IP suppliers are also provided.

Grundsätzlich fragt man sich, wie brauchbar die verfügbaren Zahlen überhaupt sind. Offensichtlich hat USB2.0 (im folgenden USB) 100% Marktanteil, FireWire/iLink (im folgenden FW) etwa 1/3, resp. ~33%. Marktanteil von was, frage ich mich? Für eine brauchbare Analyse wären wenigsten 2 getrennte Zahlen nötig, der Anteil an Hosts (Rechnern mit der entsprechenden Schnittstelle) und der an Peripheriegeräten. Darüber hinaus ist es wichtig zu erwähnen, daß sowohl bei Hosts als auch bei Peripherie Doppelnennungen möglich sind, denn es gibt sowohl Rechner mit USB und FW, als auch Geräte mit beiden Schnittstellen. Bei dieser Betrachtung kommen auch gleich die nächsten Zweifel am Report – denn es geht beim hier als Duell dargebotenen Rennen FW vs. USB gar nicht um gar nicht um ein ›entweder-oder‹. Die beiden Schnittstellen bedienen ganz unterschiedliche Märkte mit nur begrenzter Schnittmenge.

USB hat 12 Jahre nach seiner Entwicklung durch ein Konsortium um Microsoft und Apple und 9 Jahre nach seiner ersten massenhaften Verwendung im iMac der ersten Generation endlich das erreicht, was seine Bestimmung ist: den Ersatz der heterogenen Peripherie-Anschlüsse an PCs durch einen einfachen, preiswerten selbstkonfigurierenden Standard. Als solches tritt USB vor allem gegen die serielle und parallele Schnittstelle, den AT- und PS/2-Anschluß sowie div. andere veraltete und z.T. proprietäre Schnittstellenlösungen an und hat hier auch – zum Nutzen der Verbraucher – für mehr Ordnung geschaffen. USB verfolgt eine Sterntopologie, d.h. an einen Host werden Geräte entweder direkt oder über Verteiler, sog. Hubs, angeschlossen und ist ursprünglich für niedrige Übertragungsraten ausgelegt. Diese haben sich von 1 MBit über 12 MBit bis zu aktuell 480 MBit gesteigert. USB kann Geräte mit 5V Speisespannung versorgen, allerdings nur mit wenigen hundert Milliwatt Leistung (Tastaturen, Mäuse, einfache Scanner). USB-Host-Controller sind i.d.R. von der Prozessorleistung des Hostsystems abhängig.
FireWire (von Apple) und iLink (entspr. FW400 ohne Stromversorgung mit anderem Stecker, von Sony) ist von seiner Architektur her von Anfang an ein Hochgeschwindigkeitsbus, der durch spezielle im Protokoll implementierte Befehle für die (gestreamte) Übertragung von hohen Datenmengen ausgelegt ist. Entsprechend gibt es auch die Möglichkeit des direkten Speicherzugriffs und einen Controller, der vom Prozessor unabhängig operieren kann. FW-Geräte werden in Reihe hinter einander geschaltet, Hubs sind unüblich. Der FW-Bus verfügt im Gegenssatz zu iLink noch über eine 12V-Stromversorgung, die Geräte mit mehreren Watt Leistungsaufnahme über den Bus versorgen kann – z.B. externe Festplatten oder Brenner. Die Geschwindigkeit von FireWire war von Anfang an 400 MBit, einige moderne Macs verfügen auch über einen Anschluß mit 800 MBit (FireWire800). Als solches hat sich Firewire vor allem für den Anschluß professioneller Peripherie etabliert, insbesondere von Video-Kameras, Profi-SLRs, Hochleistungsscannern und externen Speichermedien.

Zieht man zu diesem Vorwissen die drei Säulen der Prophezeiung des FW-Abstiegs hinzu, so dann erscheinen die Aussagen in einem vollkommen anderen Licht.

1394-enabled device shipments will grow by only 0.2% annually through 2011.

Dabei handelt es sich um eine Vermutung, deren Hinterfütterung man gegen 3.500$ erhällt oder auch nicht.

1394 had created an ecosystem, with digital camcorders at the center, but there has been slippage in this ecosystem recently.

Eine Kombination aus Host-Controller und Client-Controller nebst einiger genormter Stecker als Öko-System zu bezeichnen greift vielleicht ein bißchen zu weit. Standards wie FW oder USB haben i.d.R. nur begrenzte Abhängigkeiten, die wichtigste ist die Relevanz der Peripherie mit dem entsprechenden Anschluß für die Hardware-Plattform, die den Host-Controller bereitstellen muß bzw. die Bedeutung des Vorhandenseins von ausreichenden Rechnern mit Host-Controllern für die Verbreitung von Peripherie. Diese Mechanismen sind für FW ausreichend etabliert, besonders wenn man nicht den Gesamtmarkt betrachtet, sondern bestimmte Schlüsselmärkte wie professionelles(!) Video. Unabhängig davon hat der FW-Anschluß aber selbst bei nichtprofessionellen PCs eine extrem hohe Verbreitung gefunden – kaum ein Rechner über 500€ kommt heute noch ohne einen solchen daher. Im absoluten Low-Budget-Markt jedoch liegt überhaupt nicht das Anwendungsgebiet von FW.

From 2005 to 2006, 1394 penetration of digital camcorders fell from 85% to 77%.

Auch diese Zahl läßt sich relativieren, denn es schwemmen immer mehr als Camcorder bezeichnete minderwertige Digitalkameras auf den Markt. Deren Hersteller suchen die Differenzierung zu anderen Digitalkameras mit Videofunktionen, indem sie über den Formfaktor und die Bezeichnung die Assoziation mit den i.d.R. deutlich teureren Mini-DV-Camcorder anstreben. Meist handelt es sich jedoch um Geräte, die in Preis und Qualität einen ›echten‹ Camcorder nicht im Ansatz erreichen und selbst als Digitalkameras nur in den unteren Ligen mitspielen. Betrachtet man jedoch den Profi-Markt, so ist der Marktanteil der FW-Geräte eher noch gestiegen, da durch die Ablösung der letzten Analog-Geräte (z.B. BetaCam SP) so gut wie jedes Gerät über einen FireWire- oder iLink-Anschluß verfügt. Hinzu kommt der boomende Markt der DTE-Harddisk-Recorder (DTE = Direct to Edit, z.B. Focus FireStore), die langsam die div. Bandformate (DV, Mini-DV, DV-CAM, DVC PRO, Digital BetaCam) ablösen. Hier gibt es keine Alternativen zu FW mit Datenstreams von Gerät zu Gerät, leistungsfähigerer Bus-Stromversorgung, prozessorunabhängigen Controllern etc.
Auch der starke Anstieg an USB-Peripherie an sich läßt sich leicht erklären, wenn man bedenkt, daß Drucker, Tastaturen, Mäuse, Game-Controller, Scanner, externe Festplatten und Brenner, Soundsysteme u.a. (endlich) weitestgehend mit USB angeboten werden. Den Großteil dieses Marktes hatte FW nie im Visier.

Paart man also die Zahlen mit einem etwas breiten Blick auf die betrachteten Schnittstellen, dann verliert der Report alsbald seinen Schrecken. Was vom prophezeiten ›Untergang der Schnittstelle‹ (macnews.de) übrigbleibt, ist eine Konsolidierung von FireWire als Profi-Standard (da wo Apple und Sony ihn immer hinhaben wollten) und eine Etablierung von USB bei den preiswerteren Geräten (zum Glück). Keines der öffentlich zugänglichen Argumente des Reports ist tatsächlich geeignet, das Ende von FireWire oder iLink vorauszusagen. Die funktioniert schon allein deshalb nicht, weil es statt des insistierten ›Entweder-Oder‹ eher ein ›Sowohl-als-auch‹ der beiden Standards gibt. Eine Vorrausschau bis ins Jahr 2011 dagegen grenzt in der hochdynamischen IT-Branche fast schon an Kaffeesatzleserei.

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