Auch wenns die meisten noch nicht verstanden haben – Lobbyarbeit muß nicht immer für etwas sein. Oft erreicht man sein Ziel viel besser, wenn man sich für einen Ahnungslosen als Retter aufspielt. Dumm ist das ganze nur dann, wenn der Ahnungslose gar keine Hilfe möchte.
Nicht einmal zwei Monate war Ruhe – nun kommt Maglena Kuneva aus der Deckung und leitet eine neue Runde des Apple-Bashings ein. Dem brüssler Trend zum Populismus folgend fordert die aus Bulgarien stammende Kommisarin für Verbraucherschutz im Focus die Aufhebung der Bindung von iTunes-Music an den iPod.
Volksnah und aktionistisch untermauert sie Ihre Forderung mit der These:»Finden Sie es in Ordnung, dass eine CD auf allen CD-Playern läuft, ein iTunes-Song aber nur auf einem iPod? Ich nicht. So etwas muss sich ändern.«.
Bereits vor einem Monat hatte ich an dieser Stelle die Unsinnigkeit solcher Forderungen kommentiert. Nun wird es wohl Zeit für eine weitere Runde.
Unglaublich schwer fällt mir die Vorstellung, daß die Verbraucherschützerin allein auf das Thema gekommen ist – zu sehr klingen Ihre Forderungen und Argumente nach genau dem, was man vor kurzem auch schon aus Frankreich und Norwegen gehört hat. Und zu einseitig. Zudem ist die Parabel falsch gewählt, denn Musik aus dem iTunesStore läuft erst einmal auf Rechnern unter Windows und MacOS, dann auch auf regulären Audio-CDs, sofern man sie darauf brennt und natürlich auch auf dem iPod. Wer sie noch woanders haben will, muß sie von der CD wieder zurückspielen – das ist umständlich, aber entfernt den Kopierschutz genauso legal wie dauerhaft. Andere Kopierschutzsysteme bieten diese Option nicht.
Ungewöhnlich ist auch, daß die Kommisarin nicht die gesamte Branche aufs Korn nimmt, sondern nur deren Primus. Microsofts WMA-DRM läuft zwar auf den Playern mehrer Hersteller, dafür aber nur unter Windows. Das Zune-DRM, ebenfalls von Microsoft, läßt Musik aus dem ZuneStore ebenfalls ausschließlich auf Microsofts neuem Taschenspieler laufen, aber nicht auf WMA-kompatiblen. Hinzu kommt die undurchschaubare Lizenzpolitik der verschiedenen Sicherungssysteme. Während Apple es den Nutzern recht einfach macht und für alle Titel die Übertragung auf bis zu 5 Rechner, das Abspielen auf dem iPod und das Brennen auf CD erlaubt, existiert bei den Mitbewerbern ein echter Gemischtwarenladen. Der Kunde wird mit verschiedensten Nutzungsrechten konfrontiert – von ›alles erlaubt‹ bis ›nichts geht mehr‹. Meist erfährt er diese Restriktionen erst nach dem Kauf bei der Nutzung.
Angriffspunkte für einen echten Verbraucherschutz gäbe es also jede Menge. Am konsequentesten hat das Apple-Chef Steve Jobs selbst ausgedrückt in dem er vor ein paar Wochen die Abschaffung der Kopierschutzesysteme gefordert hat und gleichzeitig eingestand, daß er das Rechtemangement im iTunesStore nur auf Wunsch der Musikindustrie so implementieren lassen hat. Damit liegt Steve Jobs, immerhin Chef und geistiger Vater von Apple, am deutlichsten auf einer Linie mit den redikalsten Vertretern der Verbraucherschützer – die fordern nämlich konsequenterweise die Abschaffung ALLER Kopierschutzmaßnahmen.
Interessant ist die Kurzfassung des Kuneva-Aritkels in der Online-Ausgabe des neoliberalen Wochenblatts. Hier findet sich nur pauschale Apple-Kritik, nichts über den monopolisierten Musikmarkt mit seinen 4 ›Majors‹ an sich und über die grundsätzlichen Vorteile der Rechteinhaber und damit verbundenen unabdingbaren Nachteile durch DRM für den Verbraucher, nichts über die EU-Direktive zum Urheberschutz, ebenfalls nichts über die aberwitzige Situation am DVD-Markt, wo dank Regionalcode DVDs aus einem Großteil der Welt auf europaischen Playern nicht laufen.
Statt dessen sieht Frau Kuneva ihre Aufgabe darin, den Konsum zu steigern, der lt. ihrem Wissen in Europa nur 58% des Brutto-Inlandsproduktes ausmacht, in den USA aber 70%. Erreichen möchte Sie dies durch mehr Sicherheit bei grenzüberschreitenden Geschäften und einheitliche Kaufverträge. Das haut dem Faß den Boden aus – Konsumsteigerung als Aufgabe des Verbraucherschutzes. Damit läßt die Frau alle Hüllen fallen und offenbart, wem sie sich wirklich verpflichtet fühlt. Bis zu 1.000 Milliarden Euro sieht die Verbraucherschützerin auf diesem Weg von den Verbrauchern in die Taschen der Verkäufer wandern. Niedrigere Preise und bessere Produkte lassen sich mit der Maxime der Konsumsteigerung wohl kaum rechtfertigen.
Denkt man nun noch einmal über das fast schon rituelle Apple-Bashing nach, dann erscheint dies in einem anderen Licht. Hatten die Majors sich nicht schon lange gewünscht, für aktuellere Titel mehr als die iTunes-üblichen 99 Cent zu nehmen? Störte die Musikindustrie nicht schon lange, daß der Außenseiter Apple zum Marktführer bei Online-Musik avanciert ist, während ihre eigenen Versuche im Online-Geschäft dank anhaltend kundenfeindlicher, geldgeiler Knebelbedigungen beim Verbraucher abgeblitzt sind? Hatte nicht gerade die EU-Legislative das Umgehen von Kopierschutzsperren zur strafbare Handlung erklärt?
Wenn der Verbraucher in Scharen zu Apple rennt, weil er bei Sony und T-Online nicht kaufen mag, dann muß man den Verbraucher vor Apple halt schützen. Im Sinne des höheren EU-Binnenkonsums sollten die Verbraucher lieber ihre Musik bei MusicLoad, Vivendi oder SonyBMG kaufen – die zahlen sogar noch Steuern (teilweise) in der EU. Dann ist es auch nicht mehr so schlimm, wenn mit Apple der einzige ernstzunehmende Wettbewerber vom Markt verschwindet und dank rigidem Microsoft-DRM die Musik nur noch auf Windows-PCs oder gar nicht mehr läuft. Der Verbraucher kann ja dann seinen Mac oder Linux-PC abschaffen, den iPod in die Tonne werfen und Musik nach Chartswert bei T-Onlines Musikload kaufen. Dann sind endlich alle Systeme interoperabel und den 70% Konsumanteil kommen wir sicher auch bald näher.
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