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Digital brutal – warum billige Digitalkameras kein Schnäppchen sind… (Updated)

24. September 2007 von schmidt9

Jeder kennt den Spruch »Wer billig kauft, kauft zweimal«. Weil immer wieder mal jemand fragt – hier ein paar Gründe, warum es keine Billigst-Digitale sein sollte.

Sensibilität
Für analoge Kameras hat man früher 400- oder 800-ASA-Filme gekauft, wenns dunkel wurde. Die waren etwas grobkörniger und in jeder Kamera problemlos verwendbar. Profis hatten Farbfilme bis 1600 und S/W-Filme bis 3200-ASA. Die Nennempfindlichkeit eines üblichen Sensors liegt heute bei 50-125 ASA, d.h. das Signal kann unverstärkt und damit unverpfuscht verarbeitet werden. Verstärkt man das Signal elektrisch, dann hat die Kamera zwar theoretisch eine höhere Empfindlichkeit, rauscht aber mehr oder weniger wie ein bunter Konfettisturm, weil Bildfehler auch verstärkt werden. Die werden dann elektronisch mehr oder meist weniger gut weggerechnet, was aber die Schärfe negativ beeinflußt. Film hatte dagegen einfach eine gröbere Körnung, die pro Korn dank größerer Kornfläche mehr Licht aufnahm. Zusätzlich ließ sich bei der Entwicklung dank der guten Durchzeichnung von Film noch einiges an der Belichtung retten. Fehlbelichtungen von 1-1,5 Blenden hat das Labor meist korrigiert, ohne daß der (Amateur-) Fotograf die Fehlbelichtung bemerkt hat. Digitalbilder aus Amateurkameras haben diesen hohen Dichteumfang nicht – falsch belichtete oder unterbelichtete Motive sind nur in einem sehr geringen Rahmen reparabel. Digitalkameras sind also grundsätzlich nicht so flexibel bei schlechtem Licht wie Fotokameras mit Film. Hohe ISO-Zahlen sind oft mit misserabler Bildqualität verbunden. Die Lösung sind optische Bildstabilisatoren, die ein Verwackeln bei der Aufnahme durch Trägheitssensoren erkennen und eine Gegenbewegung (systemabhängig) der Optik oder des Sensors veranlassen. Das bringt bei stehenden Motiven eine Empfindlichkeitssteigerung von 2-3 Blendenstufen (entspr. z.B. von 100 ASA auf 400 bis 800). Zusammen mit einer GUTEN Signalverarbeitung und leicht erhöhtem ISO-Wert (200-400) ergibt sich damit in etwa wieder die Flexibilität einer analogen Kamera.
N.B.: Die Miniaturlämpchen, die von den Kameraherstellern als Blitz bezeichnet werden, taugen kaum für das Kaffee-Kränzchen-Bild – die Reichweite ist viel zu gering. Noch weniger als bei Film-Kameras ist der Blitz der Retter bei schlechtem Licht – nur eine hohe Empfindlichkeit erschließt auch problematische Bildsituationen.

Pixelwahn (Absatz ergänzt am 24. September 2007)
Kamerageneration auf Kamerageneration tummeln sich immer höhere Pixelzahlen auf immer kleineren Sensorflächen (früher 2/3″, später 1/1,8″, heute oft 1/2,5″). Die kleinere Fläche pro Pixel verringert die Lichtempfindlichkeit und erfordert eine zunehmende elektronische Signalverstärkung zur Anhebung der ISO-Zahlen, was das Problem des Rauschens selbst bei geringen ISO-Zahlen zunehmend verstärkt. Oft ist die Rauscharmut der geringer auflösenden Vorjahresgeneration geringer als die der aktuellen digitalen Kompaktkameras. Das Auflösungsvermögen eines Kleinbildfilmes und auch der Winzigoptiken beträgt ohnehin kaum mehr als 6 Megapixel.
Inzwischen fordern Experten wie Verbraucher das Ende des Megapixel-Wahns und neue Kameramodelle mit vernünftigen Auflösungen um die 6 MegaPixel statt einer sich kontinuierlich verschlechternden Bildqualität. Mehr Informationen finden sich beihttp://6mpixel.org.

Scheuklappenblick
Durch die kleinen Sensoren (im Moment geht der Trend von CCD- zu CMOS-Sensoren bzw. CCD-CMOS-Hybriden) werden die Optiken der Kameras immer telelastiger, der übliche Brennweitenbereich einer 3-fach-Zoom-Kamera aus 35mm-Film-Zeiten lag zwischen 32-96 und 35-105 mm. Das war schon nicht so prickelnd, denn wenn bei einer Familienfeier in gemütlicher Rund alle drauf sollten, mußte man schon ganz schön zusammenrücken. Auch für Landschaftsaufnahmen (Alpenpanorama :-) und enge Innenstädte sind 35 oder gar 39 mm Anfangsbrennweite nicht brauchbar. Die große Schlußbrennweite im Telebereich bringt auch nicht gerade viel, weil man das i.d.R. nicht mehr ruhig genug halten kann. Da die Japaner (und z.T. auch die Amerikaner) aber gerne weit weg bleiben und daher Tele-Freunde sind, sind diese Sehgewohnheiten auch im von Japanern dominierten Kameramarkt manifestiert. Deswegen gibt es in Europa so viele Kameras ohne ordentliche Weitwinkel (WW – eigentlich unter 35 mm). Die immer kleineren Sensoren und die damit verbunden proportional kleineren Brennweiten verschlimmern den Effekt und vergrößern das Problem.
Wer aber brauchbare Bilder nicht nur von der anderen Straßenseite aus machen möchte oder gern von einer Kirche auf dem Marktplatz mal mehr als die Pforte ablichten will, sollte auf einen Zoom mit mindestens 28 mm Anfangsbrennweite achten.

Kopfarbeit
Digitalkameras kann heute jede Bude von Hanoi bis Honduras fertigen, die Bauteile gibts von den großen asiatischen Zulieferern ab 100.000 Stück Mindestabnahme zum Spottpreis. Daher gleichen oft die technischen Parameter der preiswerten Modelle denen der Markenprodukte. Der Preisunterschied liegt zum größten Teil beim Technologievorsprung. Die Rohdaten aus dem Sensor müssen intelligent aufbereitet werden, damit das Bild am Schluß gut aussieht. Dies betrifft das Entfernen von Rauschen (besonders bei hohen Empfindlichkeiten), die Anpassung der Farbe an das Umgebungslicht (Weißabgleich), die Optimierung der Schärfe und des Kontrastumfangs etc.. Hinzu kommen Echtzeitfunktionen wie Lichtmessung und Scharfstellung, die Bildaufbereitung für das Display sowie die JPEG-Komprimierung.
Zusätzlich geht der Trend auch noch dazu, Standard-Probleme bei der Aufnahme ebenfalls in der Kamera zu lösen. Dafür erkennen Kameras der aktuellsten Generation z.B. Gesichter im Motiv, fokusieren auf Augen und richten die Belichtung des Gesamtmotivs am Gesicht aus. Ebenso können intelligente Algorithmen rote Augen entdecken und während der Aufnahme on-the-fly entfernen. Andere Routinen erkennen Gegenlichtsituation, passen die Belichtung darauf an und verarbeiten helle und dunkle Bildteile unterschiedlich, um zugelaufene Schatten und aufgerissene Spitzlichter im Bild zu vermeiden. Einige Kameras belichten in komplizierten Situationen zweimal – das erste mal zu schwach, aber unverwackelt für die Schärfeinformationen und kurz darauf noch einmal länger für die richtige Farb- und Helligkeitsinformation.
Diese Technologien erfordern eigene Prozessoren in den Kameras. Nur Prozessoren wie der DigicII/III von Canon, die VenusEngineII/III oder der KodakColorScience-Chip liefern gute Ergebnisse in kürzester Zeit. Sonst wartet man ewig beim Einschalten und nach einer Aufnahme bzw. bis zur korrekten Scharfstellung – das Motiv ist dann einfach weg.

Scherbensalat
Auch das Berechnen von Optiken ist seit Zeiss/Abbe – also seit immerhin 120 Jahren – kein Geheimnis mehr. Standardoptiken fallen heute aus jeder chinesischen Kunststoffpresse. Durch die kleinen Sensoren werden die Optiken immer kleiner und kurzbrennweitiger. Das verlangt andere Wege bei der Vergütung und ganz neue Präzisionsdimensionen. Auch lassen sich bei so winzigen Zooms nicht mehr alle Bildfehler mit technisch sinnvollem Aufwand korrigieren, weswegen die renomierten Hersteller immer mehr dazu übergehen, Abbildungsfehler direkt in der Kamera zu korrigieren. Da den inzwischen recht leistungsfähigen Prozessoren alle aufnahmerelevanten Informationen ohnehin bei der Signalverabeitung vorliegen, ist dies – zumindest bei Amateurgeräten – sicher die beste Stelle zur Korrektur.

So what?
Bei einer billigen Kamera liefert die Optik nicht die Qualität, die für den schlecht angesteuerten, aber hochauflösenden Chip nötig wäre, den wiederum der ungelenke Prozessor weder rechtzeitig noch bildverbessernd verarbeiten kann.
Da viele Innovationen, die einer Digitalkamera die Flexibilität (und damit auch den Lebenszeitraum) einer analogen Kamera ermöglichen, noch recht neu sind, lohnt es bestimmt nicht, hier zu sparen. Sonst fehlt eine saubere Signalverarbeitung, akzeptable Empfindlichkeiten, brauchbare Brennweite und wirkungsvoller Verwacklungsschutz. 200-300 Euro sollte man mindestens ausgeben, damit man die Investition nicht nach ein paar Wochen bereut. Wer mehr sparen will, kauft sich eine Olympus µ [mju] II mit der winzigen, aber genialen 35/F2.8 Festbrennweitenoptik beim Gebrauchthändler für unter hundert Euro und macht mit ihr auf dem inzwischen lächerlich billigen analogem Film weiter für wenig Geld gute Bilder.

Ich würde im Moment u.a. in Erwägung ziehen (Stand 6. März 2007)
Canon Digital IXUS 850 IS
7.1 MPixel, 28-105mm Weitwinkelzoom, opt. Bildstabilisator, emfp. bis ISO 1600, 2,5″ Display + opt. Sucher, SD-Card
Herstellerseite IXUS 850 IS
Digitalkamera.de Datenblatt IXUS 850 IS
z.Z. ab ca. 330 Euro inkl. Versand

Panasonic Lumix FX01EG, FX07EG und FX30EG oder FX50EG
6,0 bzw. 7.1 MPixel, 28-100mm Weitwinkelzoom von Leica, opt. Bildstabilisator, emfp. bis ISO 1600, 2,5″/3″ Display, SD-Card
Herstellerseite FX01EG
Digitalkamera.de Datenblatt FX01
Herstellerseite FX07EG
Digitalkamera.de Datenblatt FX07
Herstellerseite FX50EG
Digitalkamera.de Datenblatt FX50
Herstellerseite FX30EG
Digitalkamera.de Datenblatt FX30
FX01EG ab ca. 230 Euro inkl. Versand
FX07EG ab ca. 260 Euro inkl. Versand
FX50EG ab ca. 315 Euro inkl. Versand
FX30EG ab ca. 340 Euro inkl. Versand

Kodak V705/V570 Dual Lens Camera
5 bzw. 7 MPixel, 23mm Ultra-Weitwinkel-Festbrennweite und 39-117mm Zoom von SCHNEIDER-KREUZNACH, empf. bis ISO 1000, 2,5″ Display, SD-Card
Herstellerseite V705
schmidt9-speaks.net Blogeintrag mit Vorstellung der V705
Digitalkamera.de Datenblatt V705
Herstellerseite V570
Digitalkamera.de Datenblatt V570
V570 ab 200 Euro
V705 ab 250 Euro (sind leider teurer geworden, habe meine V705 für 169 Euro beim Geiz-Markt gekauft)

Da SD-Cards ziemlich preiswert geworden sind sollte man ruhig eine schnelle Karte mit 1GB kaufen – die reicht locker für einen langen Urlaub (300 – 700 Bilder) und kostet inkl. Versand unter 20 Euro.

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