In Zeitschriften Essays ist es üblich, Artikel mit einer Anekdote zu beginnen. Heute habe ich auch mal eine. Vor kurzem saß ein guter Bekannter, ein freundlicher Investmentmanager in meinem Alter, bei mir zum Plausch. Weil er irgendwo mit dem vielen Geld hinmuß, saniert er gerade sein zweites Mietshaus. Wie es mit dem Zuspruch zu den neuen Wohnungen sei fragte ich Ihn, worauf er freudestrahlend ›gut‹ erwiderte und erzählte, daß er einen Großteil seiner Bewerber schon ganz gut kenne: google sei Dank. Das junge Studentenpärchen aus meinem Nachbarhaus sei auch unter den Interessenten, die seien ihm sympatisch, weil bei Facebook nur ein paar Bilder von Exkursionen sind, keine Partypics, nichts anstößiges…
Eine halbe Milliarde, fast 10% der Weltbevölkerung lassen in Zuckerbergs Universum mehr oder weniger die Hosen runter und angesichts dieser Zahlen hat selbst der blödeste Werbetrottel langsam verstanden, daß da eine Menge Nutzer sind, denen man alle möglichen Artikel und Dienstleistungen andienen kann. Die Resultate versauen inzwischen selbst hartgesottenen social-web-Freunden den Spaß – immer mehr Werber entdecken Facebook, Twitter und die VZs und sehen ihn ihnen nur weitere Trichter für ihre Multi-Channel-Marketingpläne. Virtuelle Freunde, die keine sind, sondern nichts anderes als virtuelle Bibelverkäufer und Drückerkolonnen.
Ich bin wirklich kein Web2.0 Apostel, aber wenn jemand diese Medien bespielen möchte, dann bitte nach deren Spielregeln. Dauernd irgendwelche Futzis, denen man folgen soll, die mit einem kruscheln oder sonst was wollen und die einem nix bedeuten. Meine Vorstellung eines sozialen Netzes bezieht sich auf den Begriff ›sozial‹ – ich sozialisiere mich verdammt ungern mit Versicherungsvertretern, Anlageberatern, Zeitschriftenverkäufern und sonstirgendwem, wenn sie meine Nähe nur wegen irgendwelcher Verkaufereien suchen und nicht wegen gemeinsamer Vorstellungen oder Interessen.
Von Facebook und den VZs halte ich übrigens nicht besonders viel. Der öffentliche Exhibitionismus einer ganzen Generation verwässert das Verständnis für die Notwendigkeit von Privatssphäre und privaten Bereichen. Im besten Fall tragen die Indiskretionen von heute nur zum digitalen Rauschen in 10 Jahren bei. Die Leute, die in den 90ern Tatoos haben stechen lassen bereuen das 10-15 Jahre später bereits zum Großteil – wer sein digitalen Abziehbildchen fleißig mit privaten Peinlichkeiten verziert hat, der hat in 10 Jahre ein noch größeres Problem als ein paar Pigmente unter der Haut.
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