Wo bitte ist eigentlich Molfsee im Kreis Rendsburg-Eckernförde? Eigentlich egal, irgendwo im Nirgendwo zwischen Ost- und Nordsee liegt ein Ort, dessen Gemeindeoberen den Aufstand gegen den Goliath der Informationsverarbeitung – den Suchmaschinen-Markführer Google – proben. Der läßt also seit einiger Zeit ganze Straßenzüge in Städten rund um den Globus in abfolgenden Panoramen ablichten. Der Benutzer kann so nicht nur wie bisher nur via Luftbild, sondern auch aus ganz normaler Besucherperspektive heraus fremde Orte rund um den Globus besuchen.
Mit Freude konnte ich so meiner Lebensgefährtin meine Streifzüge durch Manhattan, Brooklyn und Queens zeigen und Vergangenes wieder aufleben lassen. Auch die Suche für die Reise zu unbekannten Zielen gestaltet sich per Street View angenehmer als in Google Maps oder Earth – schließlich reist man ja doch recht selten per Helikopter an.
Trotz allem gab es aber von Beginn an Ärger – einzelne Bürger von San Franzisco, wo Street View zuerst umgesetzt wurde, sahen ihre Persönlichkeitsrechte verletzt. Der eine popelt, der nächste knutscht mit der Liebhaberin, einer vercheckt Drogen und überhaupt gibts noch tausend andere Gründe, warum die Personen in so einer Ansicht möglichst nicht erkenntlich sein sollten.Google hat reagiert und macht Nummernschilder unkenntlich. Gesichter hingegen erkennt man selbst in der Vollbildansicht kaum.
Jetzt jedoch haben die Populisten - frischan fürs kommende Wahljahr – ein neues Ziel für die Überwachungsangst der Bürger gefunden. Nicht mehr Schäuble, Schilly, Beckstein & Co. sind die raffgierigen Datenkraken, sondern Google ist. Schuld. So wird eine durchaus nützliche und zu allem Überdruß auch noch unentgeltliche Funktion zur Zielscheibe. Dabei fingen die meisten Nutzer gerade an, diese zu schätzen – für die Urlaubsplanung, die Wohnungssuche, Immobilienerwerb oder einfach aus Interesse an fremden Orten.
Das alles zählt in Molfsee aber nicht – auf einmal wird datengeschützt, was das Zeug hält und Google bekommt die Quittung. Statt sich darüber zu freuen, daß das Kaff am Ende des Universums nun für jeden per Browser erkundbar ist wird medienwirksam Goolge an den Branger gebracht. Denn das ist ja auch so schön einfach und lenkt den mehr oder weniger unkundigen Bürger vom Versagen der Parteien bei eigentlichen Datenschutzproblemen ab. So singen nun alle Parteien im Kieler Landtag uni sono das Anti-Google-Lied, daß es einen fast schon an beste Blöckflötenzeiten im ehemaligen Republik-Palast erinnert.
Und dann noch das: »Es sind schon Meldungen aus Australien bekannt geworden, nach denen sich Ordnungsämter der Bilder von ›Google Earth‹ und ›Street View‹ bedienen, um zu klären, ob es ungenehmigte An- oder Umbauten in ihrer Stadt gibt« – wer ist den hier derjenige, der öffentlich zugängliche Informationen gegen den Bürger einsetzt – die Ordnungsämter oder Google? Wenn die GEZ die Telefonbücher nach Firmenadressen durchforstet, um Gebührenbescheide für ›neuartige Empfangsgeräte‹ zu verschicken, dann kommt doch auch keiner auf die Idee, ganze Stätte in den Büchern zu schwärzen.
Realitätsfern, technikfeindlich, populistisch und volksverdummend – in Kiel und Molfsee hat sich wieder einmal gezeigt, wie weit es mit dem Zukunftswillen der Deutschen Politiker her ist.
Update aus meinem Kommentar bei macnews.de:
Warum die Meldung schon mal daneben geht:
1. Wiki – Datenschutz
»Heute wird der Zweck des Datenschutzes darin gesehen, den Einzelnen davor zu schützen, dass er durch den Umgang mit seinen personenbezogenen Daten in seinem Recht auf informationelle Selbstbestimmung beeinträchtigt wird. Datenschutz steht für die Idee, dass jeder Mensch grundsätzlich selbst entscheiden kann, wem wann welche seiner persönlichen Daten zugänglich sein sollen. Der Datenschutz will den so genannten gläsernen Menschen verhindern.«
2. Wiki – Bundesdatenschutzgesetz
»Das deutsche Bundesdatenschutzgesetz (BDSG) regelt zusammen mit den Datenschutzgesetzen der Länder und anderen bereichsspezifischeren Regelungen den Umgang mit personenbezogenen Daten, die in IT-Systemen oder manuell verarbeitet werden.«
Wer jetzt den Kopf einschaltet erkennt:
Schützenswert sind Daten, die das Individuum betreffen, z.B. in Bezug auf seine gesellschaftliche/politische/religiöse/sexuelle Orientierung, seine Lebens-/Freizeit-/Kommunikations-Gewohnheiten uvm. Street View berührt diesen Schutzraum nicht wirklich. Individuen sind nicht erkenntlich, ebenso wie PKW-Kennzeichen.
Das Zitat von macnews zeigts ganz deutlich den Widersinn: »…und damit, so Gemeinden in Schleswig-Holstein, zu weit geht: Darin leben Menschen und was mit deren personen bezogenen Daten geschieht, das sollen sie selbst entscheiden.« Da keine personenbezogenen Daten erhoben werden, ist das ganze vollkommen irrelevant.
Der Datenschutz ist bloß eine Krücke, die von einigen engstirnigen Landeiern herbeigezaubert wird, um ihre ungerichtete Paranoia zu kanalisieren. Auch hier liefert das Zitat die Begründung: »der örtliche CDU-Fraktionschef R. Harwart offenbar vor allem aus Angst vor Einbrechern, schließlich sei auf den Fotos ja “alles zu sehen”«.
Auf diesen Zug wiederum springen die Parlamentarier im Kieler Landtag und demonstrieren volksverbunden Einigkeit im Bezug auf Datenschutz, wo keiner ist. Hätten sie dagegen mal bei den unglaublich ehrgeizigen Plänen von Beckstein, Schilly und Schäuble auf den Tisch gehauen, als es um die Überwachung der Bürger ging — haben sie aber nicht. Statt dessen – nun sensibilisiert durch die Telekom-Misere – braucht es endlich ein Ziel, daß nicht die eigene Datensammelwut kompromittiert — Google.
So wird aus der Provinzposse eines Landnestes zwischen Nord- und Ostsee eine Medienlegende und Beckstein und Co. lachen sich ins Fäustchen. Ein paar Bauern, die ihre Hütten nicht abgelichtet haben wollen liefern die Nebelgranaten, um davon abzulenken, wo wirklich sensible Daten gesammelt und ausgewertet werden –
· bei der TK-Überwachung, die der Musikindustrie nun hilft, Tauschbörsennutzer mit nur einer Datei im Sharing als ›kommerziell‹ zu kriminalisieren
· per Online-Durchsuchung und KFZ-Scanning z.B. in Hessen
· beim E-Mail-Skandal in Brandenburg
· per ›Bayerntrojaner‹
· …
um nur die Meldungen von heute zu nennen.
Ein bißchen Quellenrecherche und -analyse hat noch nie geschadet…
Kategorie Tech Spotting, Fucking Political |